Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis Moabit

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© 2007  Udo Dagenbach | glasser und dagenbach Übersichtsplan  Übersichtsplan zeigt die fertigestellte Anlage

© 2006  Udo Dagenbach | glaßer und dagenbach Blick in den Park vom Eingang Invalidenstraße aus  Blick über die Achse eines ehemaligen Zellenflügels auf den Betonquader, der den panoptischen Bereich symbolisiert.

Der Eingang an der Invalidenstrasse führt durch die ehemalige Gefängnismauer in Richtung Zentrum der Anlage.

© 2007  Udo Dagenbach | glaßer und dagenbach Parkeingang Invalidenstrasse  Der Eingang aus gefärbtem Beton ist wie eine Schublade durch die Gefängnismauer gesteckt.

Der Eingang liegt auf der Achse der ehemaligen Zellenflügel und durchstößt die Gefängnismauer. Eine Betonscheibe verhindert den direkten Einblick und zwingt die Besucher, sich einer schleußenartigen Situation auszusetzen. Die auf Lücke gesetzten Rahmen erzeugen in den Morgen- und Nachmittagstunden ein starkes Licht- und Schattenspiel, welches an ähnliche Situationen in vergitterten Zellen erinnert. Die erforderliche "Entdeckung" des Eingangs ist ein beabsichtigtes dramaturgisches Mittel der Gestaltung.

© 2006  Udo Dagenbach | glaßer und dagenbach Panoptikum  Betonquader, der den ehemaligen panoptischen Bereich des Gefängnisses symbolisiert

Der ehemals panoptische Bereich war eine große kuppelartige Halle im Zentrum des Gefängnisses, von der aus man alle vier Gefängnisflügel einsehen konnte und somit etagenweise mit wenig Personal sämtliche Zellentüren im Blick hatte. Da eine Nachbildung des Bauwerks weder sinnvoll noch vorgesehen war, wurde dieser Bereich als rahmenförmiger Betonkubus dargestellt. Er entspricht in etwa den Abmessungen des oberen Turms über der zentralen Kuppel.

Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis Moabit Bürgerpark und Gedenkstätte in Form eines architektonischen Gartens an einem historisch bedeutsamen Ort


Ein alltagstauglicher Bürgerpark und eine Gedenkstätte in einem - geht das? - Ja! Der Geschichtspark auf dem ehemaligen Standort des ersten preußischen Mustergefängnisses, nahe dem neuen Hauptbahnhof in Berlin, vereint sowohl die Funktion eines Bürgerparkes, als auch einer Gedenkstätte an einem wichtigen Ort der deutschen Geschichte. Vom Hauptmann von Köpenick bis zu bekannten Persönlichkeiten des Deutschen Widerstands reichte die lange Liste der Gefangenen. Albrecht Haushofer schrieb in der für ihn tödlich endenen Haft seine "Moabiter Sonetten". Trotz der schicksalhaften Prägung des Ortes wurde mit den Mittel der Land Art und Minimal Art ein abstrakter, architektonischer Garten geschaffen, der jede pädagogisierende Haltung vermeidet. Die Anwohner wurden in langjähriger Zusammenarbeit eingebunden und unter Anleitung von lokalen Künstlern wurden vor allem Kinder und Jugendliche an der Gestaltung von Spielobjekten beteiligt. Der Park wurde 2007 mit dem Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis und dem internationalen daylight spaces award der Danubia Universität Krems in Österreich ausgezeichnet.
Das Projekt erhielt von einer internationalen Jury anlässlich der Veröffentlichung im Jahrbuch "Made in Germany" des Braun Verlages den 2. Preis der Kategorie Landschaft.

Die Parkanlage ist thematisch, stadträumlich, bau- und ereignisgeschichtlich einmalig in der Berliner Stadtlandschaft. Die Aufgabe, sowohl einen Gedenkort, als auch einen nutzbaren Park für die Bevölkerung zu schaffen, ist beispielgebend umgesetzt worden. Die denkmalpflegerische Restaurierung überkommener baulicher Relikte und deren Ergänzung in zeitgemäßer Formsprache sind überzeugend gelöst. Der dramaturgische Einsatz minimalistisch-skulpturaler Gestaltungsprinzipien verankert die baulichen Relikte wieder dauerhaft im sich dynamisch entwickelnden Stadtraum des benachbarten Hauptbahnhofes. Bevölkerung und Besucher der Stadt können nun nach über 50 Jahren der Isolierung des Ortes seine geschichtliche Bedeutung wieder entdecken und seine Erholungsqualitäten nutzen.

Vor 150 Jahren wurde das Gefängnis als Ergebnis einer Gefängnisreform als sternförmiger, panoptischer Ziegelbau nach dem Vorbild des Gefängnisses Pentonville in London errichtet.
Die ehemals stadträumlich prägende Wirkung des Zellengefängnisses besteht seit dem Abbruch der meisten Gefängnisgebäude 1956-1958 nicht mehr. Die verbliebenen fünf Meter hohen Gefängnismauern wurden aufwändig restauriert. Wie zwei angewinkelte Arme schützen sie den großen freien Innenraum nach außen hin. Es hat sich eine völlige Umkehrung der Funktion und Form vollzogen. Der Raum innerhalb der hohen Gefängnismauern bildet nun einen "Hortulus conclusus" – wie er wohl kaum aus "normalen" Planungsprozessen entstanden wäre.
Diese neue Qualität eines geschützten Innenraumes wurde als Inversion der ehemaligen Nutzung bewusst genutzt. Einem klaren dramaturgischen Konzept folgend, ist der symmetrische Grundriss des Gefängnisgebäudes als landschaftliche Großform in der Parkoberfläche abgezeichnet, sodass die Größe und die strenge Organisation der Gefängnisanlage für den Parkbesucher nachvollziehbar ist.
Die sternförmige Anlage wird mittels unterschiedlicher, in Beton gefasster, tektonischer Abdrücke und Erhebungen in der ebenen Rasenfläche des Innenraumes nachgezeichnet. Die östlichen Zellenflügel werden in ihrer gesamten Breite und Länge als ansteigende und abfallende schiefe Rasenebenen ausgebildet, die in der weiten Parkfläche als Großskulptur wirken.
Der nördliche Zellenflügel ist in einen vorhandenen Baumhain gefügt. Dieser Bereich erfährt daher eine vorsichtigere Gestaltung. Heckenstreifen aus rotblättrigen Blutbuchen bilden in unterschiedlicher Ausrichtung die Zellen nach. Eine Zelle wird durch Betonwände in originaler Größe als begehbare Skulptur inszeniert. Den südlichen Flügel bildet eine gleichmäßig in den Boden abgesenkte Rasenfläche nach. Den ehemaligen zentralen Überwachungsbereich findet man interpretiert als einen kreisförmigen Platz mit einem mittig angeordnetem, rahmenförmigem Würfel aus Beton.

Westlich, zum sechs- bis zehngeschossigen Gebäuderiegel an der Lehrter Straße hin, wird ein lichter, waldartiger Vegetationssaum aus Kiefern, Birken und Robinien als optische Trennung zum Gebäude aufgebaut, der den vorhandenen Baumhain nach Süden verlängert. Mittig in dieser Waldstruktur zeigt eine dreireihige Pflanzung aus kubisch geschnittenen, rotlaubigen Blutbuchen den ehemaligen Standort des Verwaltungsflügels.
Die drei ehemaligen Spazierverschläge für den Hofgang der Gefangenen befanden sich zwischen den Zellenflügeln – sie erfahren unterschiedliche Interpretationen ihrer ehemaligen Funktion. Südöstlich wird der Raum eines dieser dreieckigen Verschläge durch zwei schräg gestellte Betonscheiben erlebbar gemacht ("Im Dreieck springen" ist die rotwelsche Bezeichnung für den Hofgang von Gefängnisinsassen im dreieckigen Verschlag).
Nach Osten zeigt eine kreisförmige Vertiefung im Rasen die gesamte Größe einer Spazierhofanlage. In ihrer Mitte steht, von einer Betonmauer gerahmt, noch ein alter Walnussbaum – ein Relikt der Umwandlung der Spazierhöfe in Zierbeete zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Wahl des Materials Ortbeton stellte sich nie als Frage. Es war von Beginn an klar, dass nur dieser Werkstoff in seiner Flexibilität und Ausdrucksmöglichkeit der Aufgabe gewachsen sein würde.
Ziel der Planung war eine skizzenhafte, eher in Gedanken verhaftete Wirkung zu erzielen. Der Beton sollte dieselbe Farbe und Struktur erhalten wie die Kalkmörtelfugen der alten Gefängnismauer. Ein blasser Sandton. Dem Beton der Güteklasse C35 wurde die geringstmögliche Farbbeimischung zugegeben: 2 % Pigment.
Die Oberfläche wurde nachträglich sandgestrahlt – verletzt. Dies lässt spüren, dass es ein Ort ist, an dem es um Verletzungen, Verletzende und Verletzte ging und geht. Daher werden Ausblutungen eisenhaltiger Zuschlagsteile bewusst belassen. Nur Rost von Rödeldrahtresten wurde entfernt.

Im Norden wird der ehemalige zentrale Überwachungsbereich der Spazierhofanlage durch die zentrale Pflanzung eines Blutahorns in einer dunklen Splittfläche hervorgehoben. Strahlenförmig angeordnete, bodenbündig eingebaute Betonkreise zeigen die Trennung der Spazierverschläge. In jede Fläche eines Spazierverschlag ist ein säulenförmiger Wacholder gepflanzt, so dass sich eine surreale Versammlung von "Hofgängern" zusammenfindet.

Der innere Bereich des Parks (innerhalb der hohen Gefängnismauer) ist durch die vorgeschlagenen Maßnahmen in zwei Zonen gegliedert. Die großzügige freie Rasenfläche mit der übersichtlichen Abbildung der Gefängnisgebäude im Osten und die lichte Waldstruktur im Osten vor der Wohnbebauung vermitteln ausgleichende Eindrücke. Die Strenge der gegliederten Rasenfläche stößt unmittelbar an die melancholisch, romantische Wirkung des lichten Waldsaumes. Durch diese Gliederung wird die Integration von notwendigen Parkeinrichtungen wie Spielbereichen und Ruhebereichen möglich, ohne die Würde des Ortes zu verletzen. Der lichte Waldbereich wird durch ein pfadartiges Wegesystem erschlossen. Parallel angeordnete Granitborde kreuzen in unregelmäßigen Abständen die Pfade, sodass ein durchgängiges Streifenmuster ensteht – Material, welches in großen Mengen auf dem Gelände gelagert wurde. Entlang der Waldpfade sind in sehr zurückhaltender Form Spielangebote angeordnet. Im mittleren Teil der Waldzone liegt das einzige im inneren Bereich der ehemaligen Gefängnisanlage erhaltene Gebäude – das einstige Waagehäuschen.
Hier befindet sich eine Sandspielanlage für Kleinkinder. Die Wiederherstellung des Waagehäuschens bietet die Möglichkeit zur temporären Nutzung für betreute Spielgruppen (Einlagerung von Spielgeräten etc.) und die Unterbringung bewässerungstechnischer Steuerelemente. Die ehemalige Nutzung des Geländes als Lagerplatz des Tiefbauamtes Tiergarten führte als Teil der Geschichte des Ortes zur Bildung einer weiteren Sedimentation, die im Waldsaum "erzählt wird". Besondere Materialien, wie die Schieferblockreste der Brunnenanlage vor dem Zoologischen Garten und die Reste des roten Sandsteines der Moltkebrücke, sind zusammen mit Resten von Natursteinpflaster zu einer kreisförmigen Platzsituation arrangiert - ein japanischer Steingarten aus archäologischen Fundstücken.
Der Verein Moabiter Ratschlag koordinierte die vom Bezirk Mitte gewünschte Kinder- und Jugendbeteilung mit vier Künstlern an drei Stellen des westlichen Parkteils.

In der Betonskulptur, welche die Gefängniszelle nachempfindet, wurde nach einer Idee und unter Koordination der Lyrikerin und Filmemacherin Christiane Keppler eine Klanginstallation "Klopfzeichen" mit Rezitationen von Gedichten aus Albrecht Haushofers Moabiter Sonetten und kassiberartigen Klopfzeichen eingebaut, die beim Betreten der Zelle zu hören sind. Diese Arbeit wurde von Schülern begleitet.

Im westlichen Waldteil entstanden eine Kletterwand und eine Sitzmauer, in der das Thema Schlüssel behandelt wird. Die Bildhauerin Bärbel Rothhaar hat mit Kindern in Moabiter Schulen und Anwohnern Schlüsselzeichen und Gedichtfragmente in Ziegelsteine gedrückt und gebrannt, die anschließend zu einer Sitzmauer arrangiert wurden.
Das Thema Schlüssel findet sich auch in einer von Bärbel Rothhaar und Kindern gestalteten Kletterwand aus Holz.

Am ehemaligen Waagehaus haben die Bildhauer Gabriele Rosskamp und Serge Petit ein Sternenlabyrinth entworfen. Aus vorhandenen Granitborden und Steinresten des Lagerplatzes wurde eine labyrinthartige Situation geschaffen. Sterne waren das einzige, was Gefangene nachts aus ihren Zellen wahrnehmen konnten. Sternbilder wurden von Kindern der Nachbarschaft unter Anleitung der Bildhauer in die Steine gemeiselt.

Am nordöstlichen Teil der ehemaligen Gefängnismauer wurde ein Fragment des Haushofergedichtes "In Fesseln" an die Wand geschrieben. Christiane Keppler wählte Textpassage und Schriftform aus:
"Von allem Leid das diesen Bau erfüllt ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern…"
Der innere Teil des Parks wird zum einen durch Wege aus Splitt abgestreutem Asphalt erschlossen, die den verbliebenen Gefängnismauern folgen und zu den drei Eingängen des Parks führen. Zum anderen verbindet eine Nord-Süd-Achse als dunkler Asphaltweg (entsprechend dem ursprünglicheen Belag des Erdgeschosses) die westlichen ehemaligen Zellenflügel A und D.
Die drei Eingänge in das Parkinnere unterscheiden sich in ihrer Gestaltungsweise sehr stark voneinander. Im Süden erreicht man durch einen Mauerdurchbruch von der Invalidenstraße aus den Park. Die Anordnung und Art des Durchbruchs folgt einem dramaturgischen Konzept. Der direkte Einblick von der Straße und aus dem Park ist durch eine vor der Mauer stehende Wandscheibe aus Beton verwehrt. Durch die Mauer führt eine Reihe von rahmenförmigen Bügelkonstruktionen aus Beton in den inneren Parkbereich, auf der Achse der ehemaligen Zellenflügel A und B. Das Licht und Schattenspiel der Bügelkonstruktion sowie die reduzierten Ein- und Ausblicke in den Park leiten über in die Totalansicht des zentralen Bereiches und des Parks.
Im Osten erlaubt ein aus den Gebäudegrundrissen der ehemaligen "Irrenabteilung" gestalteter Platz Einblicke in den Park. Hier befand sich früher die Hinrichtungsstätte des Gefängnisses. Ein wie ein rechtwinkliges Origami gefaltetes Eingangsbauwerk schafft eine Öffnung in Zaun und Hecke aus rotlaubigen Blutbuchen. Im Westen erreicht man den Park über einen mit neun Linden bepflanzten gepflasterten Platz an der Lehrter Straße.
An allen drei Eingängen sind Informationstafeln angebracht, welche in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Tiergarten erarbeitet wurden.
Der Park ist nachts verschlossen. Die Tore an den Eingängen zeigen im verschlossenen Zustand an den Schlosskästen den Grundriß des Gefängnisses.

 


Deutscher Landschaftsarchitektur-Preis 2007

Erster Preis
Juryurteil: Im deutschen Sprachgebrauch steht der Name „Moabit“ geradezu synonym für „Gefängnis“. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in diesem Berliner Ortsteil eine Reihe von preußischen Haftanstalten errichtet, nach dem damals vorbildlichen sogenannten „Pentonville’schen System“ (Panoptikum). Das Zellengefängnis in der Lehrter Straße gehört zudem zu den wichtigen Stätten deutscher Geschichte: Hier harrten einige der Attentäter des 20. Juli 1944 auf ihre Hinrichtung; hier entstand der berühmte Zyklus „Moabiter Sonette“, in dem der Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer Freiheit und Menschenrecht zu eindrucksvollen Versen verdichtete.

An der Stelle des Gefängnisses, das in den fünfziger Jahren abgerissen wurde, entstand zwischen 2003 und 2006 der „Geschichtspark Moabit“. Das Projekt zeichnet sich durch die Kombination von alltagstauglichem Bürgerpark und Gedenkstätte in Form eines architektonischen Gartens aus. Von der Jury besonders hervorgehoben wurde beim Umgang mit der historischen Bedeutung des Ortes die Planung in langjähriger Zusammenarbeit mit den Anwohnern (Geschichtswerkstatt) sowie die qualitativ hochwertige Konzeption und die entsprechende bauliche Durchführung.

Dass hierbei auf das weitgehend bekannte Repertoire von Land- bzw. Minimal Art zurückgegriffen wurde, um den klaustrophobischen Raum der früheren Gefängnisanstalt beispielhaft nachvollziehbar und erlebbar zu machen (Panoptikum, „Spazierhöfe“), hat dem Juryurteil keinen Abbruch getan. Die besondere und einmalige Aufgabe wurde von den Planverfassern mustergültig gelöst.

  

Zugänglichkeit, Öffnungszeiten & Informationen zur Anfahrt

Eingang Süd: Invaliden strasse nordwestlich Hauptbahnhof
Eingang Ost: Abfahrtstrasse B96 Richtung Süd
Eingang West: Lehrter Strasse 5 - vor Beginn der Straßenkurve

Planung

glaßer und dagenbach


Projektinformationen

Projektzeitraum
2003 - 2006

Größe
28.000 m²

Bausumme
3,1 Mio Euro

Auftraggeber • Bauherr
Bezirksamt Mitte von Berlin und Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin

Adresse
Invalidenstrasse 55
10557 Berlin


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